Die Geschichte der NS-Massenverbrechen
von Piaśnica
Lernen Sie die Geschichte der NS-Verbrechen von Piaśnica kennen – einer der ersten Massenhinrichtungen des Zweiten Weltkriegs. Erfahren Sie, wie die deutschen Vernichtungsaktionen in den Wäldern von Piaśnica organisiert wurden, wer ihre Opfer waren und wer für diese Verbrechen verantwortlich war. Erfahren Sie mehr über das tragische Schicksal der EinwohnerInnen Pommerellens – Geistlichen, Vertreter der Intelligenz – und psychisch kranken Menschen, deren Leben brutal beendet wurde.
Das Verbrechen von Piaśnica

Exhumierung der Opfer des Verbrechens von Piasnica,
Foto: M. Syrowatko, 1946 (aus der Sammlung des Museums der Stadt Gdynia)
Als Verbrechen von Piaśnica bezeichnet man eine Reihe von Massenhinrichtungen, die von den deutschen Besatzern in den ersten Monaten des Zweiten Weltkriegs in den Piaśnica-Wäldern in der Nähe von der Kreisstadt Wejherowo durchgeführt wurden.
Infolge dieser Vernichtungsaktionen kamen Tausende Menschen ums Leben. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich nach wie vor nur schwer schätzen, da die Deutschen 1944 eine Aktion zur Verbrennung der Leichen durchführten, um die Beweise für ihre Verbrechen zu beseitigen.
Die Ermittlungsabteilung der Zweigstelle des Instituts für Nationales Gedenken in Gdańsk / Danzig führt seit 2011 Ermittlungen durch, die letztendlich neue Daten über die Zahl der Opfer liefern sollen.
Das Verbrechen von Piaśnica ist eines der ersten NS-Verbrechen, die während des Zweiten Weltkriegs in so großem Umfang begangen wurden. Die dabei gewonnenen Erfahrungen dienten den Nazis zur Umsetzung weiterer Vernichtungspläne. Piaśnica ist nach dem Konzentrationslager Stutthof der größte Ort der Ermordung der polnischen Bevölkerung in Pommerellen. Im historischen Bewusstsein der lokalen Bevölkerung, insbesondere der Kaschuben, sind die Wälder von Piaśnica ein Symbol für das Martyrium der Einwohner Pommerellens.
Das Gebiet der Piaśnickie-Wälder in der Darżlubska-Heide wurde von den Deutschen gemäß den Vorgaben des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin ausgewählt. Es sollte ein Ort sein, der weit entfernt von menschlichen Siedlungen und gleichzeitig nicht weit von den wichtigsten Gefängnissen und Haftanstalten entfernt lag.
Das Waldgebiet umfasste etwa 250 Hektar und befand sich etwa 9 km nördlich von Wejherowo. Nach der Besetzung dieser Gebiete im September 1939 durch die Wehrmacht wurden sie Teil des Reichsgaus Danzig-Westpreußen. Die Macht über den Gau übte der Gauleiter der NSDAP, Albert Forster, aus.
Die Verhafteten wurden in Gefängnissen und anderen Haftanstalten in Pommerellen untergebracht. Von dort wurden sie nach brutalen Verhören zur Hinrichtung in die Piaśnica-Wälder gebracht. Personen, die aus dem Gebiet des Dritten Reiches gebracht wurden, gelangten mit der Eisenbahn nach Wejherowo. Vom Bahnhof, der während der deutschen Besatzung wieder den Namen Neustadt in Westpreußen trug, wurden die Verhafteten mit Lastwagen und Bussen zum Hinrichtungsort gebracht.

Piaśnica. Foto: Marek Jasiński
Die Opfer wurden von Soldaten deutscher Spezialeinheiten erschossen. Zunächst wurden meist nachts volksdeutsche Bauern aus der Umgebung angeheuert, um Gräber auszuheben. Anschließend wurden die Opfer herbeigebracht. Fünf oder sechs Personen wurden in kniender oder stehender Position in der Nähe der ausgehobenen Gräber aufgestellt. Die Opfer wurden aus einer Entfernung von etwa einem Meter mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Einige hundert Meter vom Ort der Hinrichtung entfernt warteten die übrigen Häftlinge unter Schüssen und Schreien der Getöteten auf ihren Tod. Zeugenaussagen, Ergebnisse der Exhumierungen und die Besichtigung des Tatorts bestätigen, dass die deutschen Täter die Verwundeten auch mit Gewehrkolben erschlugen und die Köpfe der Kleinkinder an Baumstämmen zerschmetterten.
Als Kommandozentrale für die Verbrechen von Piaśnica diente die 1926 erbaute Villa von Dr. Franciszek Panek, einem Bezirksarzt und Sozialaktivisten. In dem von den Deutschen besetzten Haus und Garten wurden Winterkleidung und Gegenstände der Opfer gesammelt.
Heute befindet sich in den Innenräumen der Villa der Familie Pank das Piaśnica-Museum, das im August 2023 für Besucher geöffnet wurde.
Opfer des Verbrechens von Piaśnica
In den Wäldern von Piaśnica wurden Vertreter der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite aus Pommerellen ermordet. Auch Personen, die mit der Eisenbahn aus dem Gebiet des Dritten Reiches dorthin gebracht worden waren, kamen dort ums Leben. Unter ihnen befanden sich psychisch kranke Menschen sowie Polen und wahrscheinlich auch Tschechen – Angehörige nationaler Minderheiten in Deutschland –, die von den Behörden des Dritten Reiches als Gegner der nationalsozialistischen Ideologie angesehen wurden.
Die Hinrichtungen fanden im Rahmen der Spezialaktionen mit den Codenamen „Intelligenzaktion” und „Operation Tannenberg” statt. Das verbrecherische Ziel dieser Aktionen war die Auslöschung der polnischen Führungsschicht. Zu den Eliten zählten die Deutschen unter anderem Geistliche, höhere Beamte, Lehrer, Ärzte, Kaufleute, Unternehmer, Landbesitzer sowie Personen mit höherer und mittlerer Bildung. Als Vertreter der Führungsschicht galten auch Mitglieder politischer Parteien und Vereinigungen, die das Polentum förderten. Dazu gehörten Organisationen wie der Polnische Westverband, die Gesellschaft ehemaliger Aufständischer und Soldaten, der Turnverein „Sokół” oder die Schützengilde „Kurkowe Bractwo Strzeleckie”.

Verhaftete Einwohner von Gdynia, September 1939.
Reproduktion aus der Sammlung des Museums der Stadt Gdynia.
Eine große Gruppe der in Piaśnica ermordeten Menschen bestand aus Personen, die aus dem Gebiet des Dritten Reiches dorthin gebracht worden waren. Dort wurden heimlich Patienten aus psychiatrischen Anstalten aus den pommerschen Städten Lauenburg (heute Lębork), Stralsund, Treptow (heute Trzebiatów) und Ueckermünde getötet.
In den Wäldern von Piaśnica kamen auch Personen ums Leben, die wegen ihrer der autoritären Ideologie des Nationalsozialismus widersprechenden Ansichten interniert worden waren. Wahrscheinlich wurden auch Polen und Tschechen ermordet, die vor dem Krieg im Dritten Reich lebten, sich aber der Germanisierung widersetzten. Um die Verbrechen zu vertuschen, wurden ganze Familien ermordet, darunter auch Säuglinge und Kinder.
Die Henker
Die Hinrichtungen wurden von Mitgliedern der Danziger SS-Wachsturmbann „Eimann”, Einsatzkommando 16, Beamten der Gendarmerie, Mitgliedern des Selbstschutzes und lokalen Volksdeutschen aus der Gegend von Wejherowo und Puck durchgeführt. Manchmal waren die Mörder Nachbarn und Bekannte der Opfer. Die Operation wurde vom Chef der Danziger Gestapo und des Einsatzkommandos 16, Dr. Rudolf Tröger, sowie vom Kriminaldirektor der Gestapo in Gdynia, Friedrich Class, geleitet. Das Exekutionskommando bestand aus etwa 40 bis 60 Personen. Die spezielle 550-köpfige Wach- und Sturmabteilung Wachsturmbann „Eimann” wurde von Kurt Eimann befehligt.
Der Selbstschutz wurde nach Erfüllung seiner verbrecherischen Aufgabe Ende November 1939 aufgelöst, und seine Mitglieder wurden in andere Polizeiformationen eingegliedert und in andere Orte versetzt. Auf diese Weise wurden sie vor strafrechtlicher Verfolgung geschützt und ihre Identifizierung in Zukunft erschwert.
Nach dem Krieg ließ sich die Mehrheit der Täter in Norddeutschland nieder. Es kam zu mehreren Strafprozessen gegen die Täter. Es wurden einige Todesurteile verhängt. Die höchste Strafe erhielten SS-Untersturmführer Herbert Teuffel (1948), SS-Gruppenführer Richard Hildebrandt (1951), NSDAP-Gauleiter Albert Forster (1952) und Friedrich Freimann. Der Kommandeur des SS-Wachsturmbanns „Eimann”, Karl Eimann, verbüßte zwei Jahre der vier verhängten Jahre Haft (1968), während SS-Oberführer Georg Ebrecht nicht einmal drei Jahre seiner Strafe verbüßte, da ihm seine Internierung im Jahr 1945 angerechnet wurde.
Der Chef des Exekutionskommandos in Wejherowo, Hans Söhn (1909-1987), und SS-Obersturmbahnführer Paul Köpke wurden nie verurteilt, obwohl die deutsche Staatsanwaltschaft gegen sie ermittelt hatte. Die Staatsanwaltschaft in München (1961), Dortmund (1964) und Mannheim (1965) befasste sich mit Hans Söhn, während die Staatsanwaltschaft in Dortmund (1964) Paul Köpke verhörte. Der Bürgermeister von Wejherowo während der Besatzungszeit, Gustaw Bamberger, wurde nach dem Krieg stellvertretender Bürgermeister von Hannover.

Albert Forster
Einer der Verantwortlichen für die Massenerschießungen in den Piaśnica-Wäldern und anderen Orten in Pommern ist Albert Forster.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Forster zum Reichsstatthalter des Reichsgebiets Danzig-Westpreußen ernannt. Mit großem Engagement machte er sich daran, die polnische Bevölkerung in den ihm unterstellten Gebieten zu vernichten. Von allen Gebieten der Republik Polen, die dem Dritten Reich angegliedert wurden, war es gerade Pommerellen, wo die Deutschen im Rahmen der Vernichtungsaktionen mit den Codenamen „Intelligenzaktion” und „Tannenberg” die größte Zahl von Polen ermordeten. Forster war auch einer der Initiatoren der Errichtung des Konzentrationslagers Stutthof auf der Frischen Nehrung.
1945 gelang ihm die Flucht nach Deutschland, wo er jedoch gefasst und an die polnischen Behörden ausgeliefert wurde, da sein Name auf der Liste der Kriegsverbrecher stand. Das Oberste Nationalgericht verurteilte Forster in Danzig zum Tode. Das Urteil wurde am 28. Februar 1952 im Mokotów-Gefängnis in Warschau vollstreckt.

Selbstschutz
Eine der für die Hinrichtungen in Piaśnica verantwortlichen Formationen war der Volksdeutsche Selbstschutz. Dieser Organisation gehörten Vertreter der deutschen Minderheit an, die vor dem Zweiten Weltkrieg die Bürger der Zweiten Polnischen Republik waren. Das Ziel der Formation war der Schutz der deutschen Bevölkerung und ihres Eigentums. Tatsächlich beteiligten sich Einheiten des Selbstschutzes an der Vernichtung von Polen, die in den nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in das Dritte Reich eingegliederten Gebieten lebten. Die Formation war für die Umsetzung dieser Aufgabe äußerst nützlich, da ihre Mitglieder das Gebiet und seine Bewohner gut kannten.
Die Hinrichtungen, an denen der Selbstschutz beteiligt war, wurden gemeinsam mit Einheiten der SS und der Einsatzgruppen, d. h. Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, durchgeführt. Oftmals tötete ein Mitglied des Selbstschutzes bei den Erschießungen seinen polnischen Nachbarn, den er zuvor den Behörden als sogenanntes „antideutsches Element” gemeldet hatte. Diese Vorgehensweise ermöglichte es, Rache an einem polnischen Nachbarn zu nehmen, mit dem man früher Streit gehabt hatte, und dessen Vermögen zu übernehmen.
SS-Wachsturmbann "Eimann"
Das SS-Wachsturmbann „Eimann” war eine Einheit, die an den Hinrichtungen in den Piaśnica-Wäldern beteiligt war. Die Einheit wurde im Juli 1939 gegründet, ihr Kommandeur war Kurt Eimann, Kommandeur des 36. SS-Regiments. Auf seiner Grundlage wurde eine Einheit gebildet, die den Namen ihres Vorgesetzten annahm. Im September 1939 beteiligte sich Eimanns Einheit an der Eroberung polnischer Widerstandsnester in Danzig und führte später Verhaftungen von Polen in der Stadt durch. Eines der Verbrechen, die von den SS-Männern des Wachsturmbanns „Eimann” begangen wurden, war die Erschießung der Verteidiger der Polnischen Post in Danzig. Die Einheit wurde bei der Ausrottung der polnischen Führungsschicht und der Patienten psychiatrischer Kliniken eingesetzt. Kurt Eimann gestand während seines Prozesses die Ermordung von 1200 psychisch Kranken in den Wäldern von Piaśnica. Von den vier Jahren Haft, zu denen er verurteilt wurde, verbüßte er nur zwei Jahre.
Einsatzkommando 16
Das Einsatzkommando 16 war eine weitere Einheit, die für die Verbrechen in den Piaśnica-Wäldern verantwortlich war. Die Einsatzgruppen waren operative Einheiten der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes. Zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem die Ermordung von Personen und Gruppen, die als Feinde des Dritten Reiches galten, hinter den Fronten der kämpfenden Truppen. Die Einsatzgruppen spielten eine Schlüsselrolle bei der Vernichtung der Juden.
Das Einsatzkommando 16 war in Pommerellen tätig. Nach der Gründung der Einheit in Danzig wurden weitere Abteilungen in Gdynia (Gotenhafen), Bydgoszcz (Bromberg) und Toruń (Thorn) eingerichtet. Eine besondere Rolle bei der Organisation der Hinrichtungen in Piaśnica spielte der Kommandeur der Einheit in Gdynia, SS-Hauptsturmführer Friedrich Class. Die von ihm auf den Fahndungslisten neben den Namen angebrachte Kennzeichnung CL+ bedeutete Todesurteil.
Oberbefehlshaber der Einheit Einsatzkommando 16 war SS-Sturmbannführer Dr. Rudolf Tröger – eine der wichtigsten Personen, die für die Durchführung der Intelligenzaktion im Bezirk Danzig-Westpreußen verantwortlich waren. 1940 trat Tröger in die Wehrmacht ein. Im selben Jahr fiel er bei Kämpfen in Frankreich.
Beseitigung der Spuren des Verbrechens

Heinrich Himmlers Besuch im Lager Stutthof, 1941. Foto aus dem Archiv des Museums Stutthof in Sztutowo.
Die Deutschen befürchteten, dass ihre Vernichtungsaktionen von der herannahenden Roten Armee entdeckt werden könnten. Daher begannen sie 1944 auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler mit der Beseitigung der Spuren ihrer Verbrechen. Die Arbeiten in den Piaśnica-Wäldern bestanden darin, die Leichen aus den Massengräbern zu bergen und auf nahe gelegenen Scheiterhaufen zu verbrennen. Zu dieser Aufgabe wurden Häftlinge aus dem Konzentrationslager Stutthof herbeigeschafft. Aus Angst vor einer Flucht fesselten die Deutschen ihnen die Beine mit Ketten. Der Rauch und Gestank der auf den Scheiterhaufen verbrannten Leichen erreichte Piaśnica Wielka, Domatówka, Warszków, Leśniewo und andere nahegelegene Dörfer. Während der etwa sechswöchigen Arbeiten schliefen die Häftlinge auf dem mit einer dünnen Strohschicht bedeckten Boden. Nach Abschluss der Arbeiten wurden sie getötet und ihre Leichen verbrannt.
Es sind keine deutschen Unterlagen über die Organisation des Verbrechens von Piaśnica erhalten geblieben. Alle Maßnahmen, die zur Beseitigung der Spuren unternommen wurden, machen es heute sehr schwierig, das Ausmaß und die Umstände der Massenhinrichtungen in den Wäldern von Piaśnica zu bestimmen.
Foto: Marek Jasiński







