Barbara Bojarska begann 1963 als Mitarbeiterin des Westinstituts (Instytut Zachodni) in Poznań / Posen mit der Erforschung der deutschen NS-Verbrechen in Pommerellen. Die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichte sie 1972 im Westinstitut unter dem Titel: „Eksterminacja inteligencji polskiej na Pomorzu Gdańskim (wrzesień – grudzień 1939)” [Die Ausrottung der polnischen Intelligenz in Pommerellen (September – Dezember 1939].
Im selben Jahr unterzeichnete Dr. Bojarska einen Vertrag mit dem Museum für kaschubisch- pommersche Literatur und Musik in Wejherowo über die Veröffentlichung einer Monografie über die NS-Verbrechen von Piaśnica, lehnte jedoch im Sinne der wissenschaftlichen Genauigkeit eine Einflussnahme der Museumsleitung auf die erarbeiteten Daten ab, was dazu führte, dass das Buch aus dem Druck genommen wurde. Bojarska korrigierte die bis heute verbreitete und durch keine Fakten belegte Zahl der im Wald von Piaśnica ermordeten Polen und Polinnen von 12.000 auf 2.000 Personen. Sie lehnte es auch ab, die Bedeutung des Blutopfers, das von VertreterInnen des polnischen römisch-katholischen Klerus gebracht wurde, herunterzuspielen. Dank der Bemühungen von Jerzy und Wojciech Kiedrowski, den Söhnen des im Wald von Piaśnica ermordeten Richters Władysław Kiedrowski, wurde die Monografie über Piaśnica schließlich 1978 im Ossolineum-Verlag in Wrocław / Breslau veröffentlicht. Weitere Ausgaben erschienen – hauptsächlich dank der Bemühungen der Kommunalverwaltung von Wejherowo und des Vereins „Rodzina Piaśnicka” (Familie Piaśnica) in Wejherowo – in den Jahren 1989, 2001, 2009, 2018 und 2022 (insgesamt sechs Auflagen). In der ersten Ausgabe des Buches veröffentlichte die Autorin eine Liste der in Piaśnica ermordeten Opfer mit den persönlichen Daten, dem Beruf und dem Herkunftsort von 427 Personen.
In den folgenden Ausgaben des Buches aus den Jahren 2001 und 2009 wurde die Liste der in Piaśnica ermordeten Personen um die Erkenntnisse von Pf. Daniel Nowak, Pfarrer der Pfarrei Christus König und der seligen Alicja Kotowska in Wejherowo, Kustos des Heiligtums in Piaśnica und Kaplan des Vereins „Rodzina Piaśnicka”, sowie von Elżbieta Grot, Kustos des Museums Stutthof in Sztutowo erweitert, und umfasst nun 852 Namen.
Biografie. Dr. Barbara Bojarska (geb. Niemczyk)
Sie wurde am 17. Juli 1920 in Bliżyce in der Woiwodschaft Poznań / Posen in einer Lehrerfamilie kaschubisch-pommerscher Herkunft geboren. Sie absolvierte die Grundschule in Grudziądz / Graudenz und begann 1938 ihre Ausbildung am privaten Mädchen-Gymnasium der Resurrektionistinnen in Wejherowo. Die Direktorin der Schule war damals die selige Alicja Kotowska – eine Schwester der Auferstehungsgemeinschaft, heute das bekannteste Opfer des NS-Massakers von Piaśnica, die am 11. November 1939 von den Deutschen ermordet wurde.
Während des Zweiten Weltkriegs war Bojarska in Chojnice / Konitz zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nach Kriegsende kehrte sie nach Wejherowo zurück, um ihre unterbrochene Schulausbildung zu beenden. In den Jahren 1946-1951 studierte sie Wirtschaftswissenschaften und erwarb einen Abschluss an der Wirtschaftsuniversität in Posen. Nach dem Studium arbeitete sie als Finanzreferentin und nahm 1958 eine Stelle am Westinstitut in Poznań an. Von 1963 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1981 war Bojarska wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsstelle für die NS-Besatzungszeit des Westinstituts. Sie arbeitete mit Archivrecherchen und Feldstudien und legte dabei besonderen Wert darauf, ZeugInnen der NS-Verbrechen zu finden. Sie war es, die die Aussagen von Elżbieta Ellwart niederschrieb – der einzigen direkten Zeugin der Hinrichtungen im Wald von Piaśnica.
Auf der Grundlage von Recherchen in staatlichen Archiven, Materialien des Verbandes der Kämpfer für Freiheit und Demokratie (ZBoWiD), den Präsidien der Kreisräte und den Archiven der Hauptkommission zur Untersuchung der NS-Verbrechen in Polen, unter besonderer Berücksichtigung der Akten aus dem Prozess gegen Albert Forster und Richard Hildebrandt sowie der Berichte von ZeugInnen der NS-Verbrechen und Familien der Opfer, veröffentlichte Barbara Bojarska eine Reihe von Artikeln. In Anerkennung ihres wissenschaftlichen Wertes eröffnete der Rat der Philosophisch-Historischen Fakultät der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań Ende 1966 ihr Promotionsverfahren zum Thema: „Die Ausrottung der polnischen Intelligenzschicht in Pommerellen im Zeitraum von September bis Dezember 1939 vor dem Hintergrund der allgemeinen Grundsätze der NS- Politik gegenüber Polen”. 1971 erwarb Barbara Bojarska im Alter von 51 Jahren den Doktorgrad in Geisteswissenschaften im Fach Geschichte, und ein Jahr später veröffentlichte das Westinstitut ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Die Ausrottung der polnischen Intelligenzschicht in Danzig-Pommern (September – Dezember 1939)”. Während ihrer beruflichen Laufbahn veröffentlichte Barbara Bojarska zwei Monografien, 22 wissenschaftliche Artikel sowie 13 Rezensionen und Besprechungen. Beide Monografien befassen sich mitdem Thema der Ausrottung der polnischen Bevölkerung in Danzig- Pommern.
Seit 2001 war Barbara Bojarska Bewohnerin des Provinzhauses der Kongregation der Schwestern der Auferstehung des Herrn in Poznań. Sie starb im Dezember 2018 im Alter von 98 Jahren in Poznań.
In seiner Monografie über die NS-Verbrechen in Pommern im Jahr 1939 (Ausgabe 2024) bezeichnet Dr. Tomasz Ceran Dr. Barbara Bojarska zusammen mit Prof. Włodzimierz Jastrzębski und Prof. Jan Sziling als wissenschaftliche „Gigantin” dieses Themas.
